Weizengras – Superfood oder Marketinggag?

Weizengras bzw. der Saft daraus wird häufig als Superfood bezeichnet. Gerade im Internet finden sich starke Versprechen darüber, welche Nährstoffe in Weizen- und anderen Getreidegräsern stecken sollen. Sollten diese Angaben stimmen, dann ist Weizengras wirklich das Superfood schlechthin. Doch wie realistisch sind die Angaben wirklich.

Behauptungen im Internet

Auf einer einschlägigen Seite im Internet, die scheinbar von vielen als wissenschaftlich korrekt angesehen und häufig ungeprüft zitiert wird finden, sich folgende Angaben über Weizengras:

Fundierte Nährstoffuntersuchungen stützen die Auffassung, dass es sich bei Weizengras um ein regelrechtes Superfood handelt und der regelmässige Genuss einer alkalisierenden Frischzellenkur gleichkommt. Überaus reich an Chlorophyll, Vitaminen, Mineralstoffen und Enzymen sollen wenige Gramm Weizengras den Nährstoffgehalt von mehreren Kilogramm Bio-Gemüse in den Schatten stellen. So enthalten 100 g Weizengras:

  • 60-mal mehr Vitamin C als Orangen
  • 50-mal mehr Vitamin E als Spinat
  • 30-mal mehr Vitamin B1 als Kuhmilch
  • 11-mal mehr Calcium als Rohmilch
  • 5-mal mehr Eisen als Spinat
  • 5-mal mehr Magnesium als Bananen

Nicht zu verachten ist zudem der enorme Eiweissanteil von Weizengras, was die Muskelmasse von grasenden Wildtieren erklärt. Im direkten Mengenvergleich übertrifft der Eiweissgehalt von Weizengras mit 24 Prozent denjenigen von Hühnereiern um das Doppelte und denjenigen von Kuhmilch gar um das Achtfache. (Quelle: http://www.zentrum-der-gesundheit.de/)

Würden diese Angaben stimmen hieße das, 100g Weizengras hätten:

  • 3000 mg Vitamin C
  • 125 mg Vitamin E
  • 3600 mg Vitamin B1
  • 17,5 mg Eisen
  • 175 mg Magnesium
  • 3600 mg Calcium
  • 24 mg Protein

Ungleiche Vergleiche

Objektiv betrachtet wären das schon mal 30% der Gesamtmasse. Dabei fehlen noch Ballaststoffe, Kohlenhydrate und vor allem der große Wasseranteil (min. 80% bei frischen Grünpflanzen). Auch wenn bei den Artikeln dieser Seite gerne viele Quellen angegeben werden (um wissenschaftlich zu wirken?), so fehlt doch die Quelle woher diese Angaben kommen. Fakt ist auf jeden Fall, dass es sich nicht um die Nährwerte von frischem Weizengras handeln kann, sondern bestenfalls um ein Weizengraspulver.

Ein getrocknetes Produkt mit einem Frischprodukt zu vergleichen ist eine im Nahrungsergänzungsmittel-Marketing häufig anzutreffende Praxis. Wenn man den Autoren nicht ihre Intelligenz absprechen möchte, so muss man hier von bewusster Irreführung sprechen. Da auf 24 g Eiweiß bei einem Blattgemüse mindestens 20 g Kohlenhydrate kommen hätte man die Liste auch um diesen Punkt ergänzen können: 4 mal mehr kcal als Cola. Aus irgendeinem, mir unerklärlichen Punkt hat der Autor sich jedoch keine Mühe gemacht die kcal-Menge des Pulvers mit dem ungesunden Kultgetränk zu vergleichen.

Die etwaigen Werte des frischen Weizengrases lägen also etwa 80% unter den auf der Website angegebenen:

  • 12-mal mehr Vitamin C als Orangen
  • 10-mal mehr Vitamin E als Spinat
  • 6-mal mehr Vitamin B1 als Kuhmilch
  • 2-mal mehr Calcium als Rohmilch
  • genausoviel Eisen wie Spinat
  • genausoviel Magnesium wie Bananen
  • hat nur etwas weniger als halb so viel Eiweiß wie Hünereier

Diese Werte sind sicher nicht schlecht, aber klingen irgendwie nicht mehr so super spektakulär nach Superfood. Da nicht angegeben wurde wo sie herkamen bleibt jedoch immer noch unklar, ob diese zumindest Zuverlässig sind.

Ganz andere Werte?

Leider habe ich keine zweifelsfrei Zuverlässige Quelle für die Nährwerte von Weizengras vorliegen. Jedoch gibt es im englischsprachigen Wikipedia eine Tabelle, die zumindest die Nährwerte in Weizengrassaft angibt. Da Weizengras jedoch sowieso meist als Saft getrunken wird kann dies trotzdem für gute Referenzwerte sorgen. Die Werte dieser Tabelle stammen von MEYEROWITZ (1999).

Nährstoff 1 oz (28,35 g) 100 g
Vitamin C 1 mg 3,5 mg
Vitamin E 0,88 mg 3,1 mg
Eisen 0,66 mg 2.3 mg
Magnesium 8 mg 28,2 mg
Calcium 7, 2 mg 25,4 mg

Zum Vitamin B1 gibt diese Quelle leider keinen Aufschluss, aber die restlichen Nährwerte lassen sich so noch einmal schon in die bekannte Form bringen:

  • 14 mal weniger Vitamin C als Orangen
  • 1,2-mal mehr Vitamin E als Spinat
  • 4 mal weniger Calcium als Rohmilch
  • 1,5 mal weniger Eisen wie Spinat
  • 1,2 mal weniger Magnesium wie Bananen

Das ganze sieht jetzt nochmal viel schlechter aus. Ehrlich gesagt sind diese Werte jedoch gar nicht so schlecht. Im Grunde kann man sagen Weizengras hat eine vergleichbare Nährstoffdichte wie jedes andere grüne Gemüse.

Fazit

Ohne es vorher durch eine Saftpresse zu jagen oder mit einem Hochleistungsmixer zu verarbeiten könnte der Mensch mit Gräsern als Nahrungsmittel wenig anfangen. Deshalb möchte ich behauten es gehört nicht zu einer natürlichen Ernährung. Es ist ganz sicher kein Superfood. Wenn es Ihnen jedoch schmeckt und zum Kaffeeersatz am Morgen geworden ist, dann trinken Sie es gerne mit ruhigen Gewissen weiter, sie können es auch als eine normale Portion Gemüse zählen, aber besonderen Mehrwert gegenüber Brokkoli, Grünkohl und Co hat es sicher nicht.

Das gleiche gilt auch für die meisten (alle?) angebotenen Superfoods auf dem Markt. Immer wieder findet man die gleichen Tricks um die Nährstoffangaben in atemberaubende Höhen treiben zu können. Ich für meinen Teil möchte behaupten es gibt keine Superfoods, sondern nur gesunde, weniger gesunde und völlig ungesunde Lebensmittel. Und die Kunst einer gesunden Ernährung ist es die Lebensmittel abwechslungsreich und in den richtigen Kombinationen zu verwenden.

Quellen:
  • http://das-ist-drin.de/Coca-Cola-Coke-1-l–485/
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Spinat
  • http://eatsmarter.de/ernaehrung/ernaehrungsmythen/bananen-gegen-kraempfe
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_%28Frucht%29
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Wheatgrass
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Milk

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